Vom Campus-Tag zur Zukunft des Lehrens
Am diesjährigen Campus-Tag Berufsbildung feierte Festo sein 100-jähriges Bestehen in angenehmer Atmosphäre, mit exzellentem Catering und einer rundum gelungenen Event-Organisation. Im Mittelpunkt stand nicht nur die Historie, sondern auch der Ausblick auf eine ganz neue Lernwelt. Wo früher starre Lehrpläne und Frontalunterricht dominierten, eröffnen heute modulare Inhalte, KI-gestützte Tools und heterogene Lerngruppen ganz andere Welten. Diese veränderten Rahmenbedingungen verändern grundlegend, wie wir lehren und lernen.
Ein Highlight war die Keynote von Daniel Jung, der praxisnah und reflektiert darstellte, wie Lernen im Zeitalter von KI und neuen Medien funktionieren kann. In seiner Rede verwies er unter anderem auf den „Diary of a CEO“-Podcast mit Geoffrey Hinton. In dem Podcast reflektiert Geoffrey Hinton seine Pionierarbeit in der KI-Forschung, warnt auch vor kurz- und langfristigen Risiken der KI, fordert zudem eine globale Regulierung und skizziert gesellschaftliche Antworten wie ein Grundeinkommen und flexible Weiterbildungsmodelle.
Am „Marktplatz“ lieferten Fachgespräche wertvolle Impulse zu Themen wie Machine Learning in der Grundlagenausbildung, der gelungenen Verbindung von Kreativität und Effizienz in Fluid- und Elektrotechnik sowie zur Entwicklung eines durchgängigen Lernkonzepts für die Elektrotechnik. Den fachlichen Abschluss bildete eine Podiumsdiskussion über „Neue Lernwelten“, in der unter anderem diskutiert wurde, welche Rolle KI künftig einnimmt und wie Trainer als Mediatoren diese Technologien gewinnbringend in ihre Lehre integrieren können.
Bloom’s Taxonomie kann in diesem Zusammenhang als eine Orientierung dienen: Diese führt auf, wie Lernende vom ersten Verstehen bis zum eigenständigen Erschaffen geführt werden können. Der Einsatz von KI gepaart mit Diversität bei Erfahrungen und Wissensbegleitung, können den Weg beschleunigen. Diesen gilt es zielgerichtet zu begleiten.
Neue Rahmenbedingungen für den Unterricht
- Modulare Inhalte & Individualisierung
Lehrende sind nicht mehr auf eine zentrale Materialsammlung beschränkt. Sie wählen einzelne Bausteine aus, ergänzen eigene Lektionen und Quizze und passen Umfang sowie Schwierigkeit in Echtzeit an. Hier ist die Festo Learning Experience Festo LX zu nennen, die genau diese Optionsvielfalt vereint.
- KI als Lernbegleiter
Chatbots, adaptive Übungssysteme und wissensbasierte Graphen geben unmittelbares Feedback und empfehlen personalisierte Lernpfade. Fehler werden nicht stigmatisiert, sondern als Ausgangspunkt für gezielte Wiederholung genutzt.
- Diversität & Kollaboration
Teams aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Erfahrungsstufen schaffen interdisziplinäre Dynamik: neue Perspektiven, kreative Ideen, schnellerer Transfer von Methoden in andere Kontexte.
Die Taxonomie-Stufen strukturiert Lernziele in sechs Stufen, dabei werden hier vier zentrale Phasen gezeigt und wie KI und Vielfalt dabei die Lernenden rasch voranbringen kann:
Erinnern & Verstehen
Lernende fordern einen generativen Chatbot dazu auf, komplexe Fachtexte (z. B. zum Aufbau einer Fertigungsanlage) in ihre eigenen Worte zu übersetzen. Anschließend vergleichen sie die KI-Antwort mit dem Original, markieren Übereinstimmungen und klären offene Fragen, eine aktive Auseinandersetzung, die das Basiswissen dauerhaft festigt.
Anwenden & Analysieren
Ein adaptives Quiz-System passt Übungsaufgaben in Echtzeit an das aktuelle Leistungsniveau an. Sobald Schwächen auftreten, schlägt die KI automatisch vertiefende Fragen oder alternative Beispiele vor. Die Lernenden lernen so, ihre eigenen Missverständnisse zu erkennen und systematisch zu korrigieren.
Evaluieren
In heterogenen Kleingruppen setzen Teilnehmende einen Design-Generator ein, um erste Prototypen für eine AR-Montageanleitung oder ein interaktives Dashboard zu gestalten. Anschließend bewerten sie die Entwürfe nach gemeinsam definierten Kriterien (Lesbarkeit, Praxistauglichkeit, Innovationsgrad) und diskutieren ihre Entscheidungen, eine Übung, die kritisches Urteilen und Teamfähigkeit gleichermaßen schärft.
Erschaffen & Transfer
Mithilfe eines KI-gestützten Wissensgraphen verknüpfen Teams Wissen aus verschiedenen Disziplinen, zum Beispiel Predictive Maintenance und Qualitätskontrolle in der Biotechnologie. Aus diesen Querverbindungen entsteht ein komplett neues Schulungskonzept, das Methoden beider Felder kombiniert. Am Ende steht ein funktionsfähiger Prototyp und eine Lernaktivität, die direkt im betrieblichen Alltag einsetzbar ist.
Durch den gezielten Einsatz von KI-Tools und die gebündelte Vielfalt im Team nehmen Lernende die vier Taxonomiestufen nicht nur nacheinander, sondern oftmals parallel und deutlich schneller wahr.
Lehrende als Mediator:innen und Wegbegleiter:innen
In dieser neuen Lernwelt sind Lehrkräfte nicht mehr alleinige Wissensquelle, sondern Facilitator:innen und Coaches und auch Motivatoren.
- Sie kuratieren modulare Inhalte, moderieren KI-gestützte Prozesse und unterstützen Lerngruppen darin, eigenständig Lernziele zu erreichen.
- Sie reflektieren gemeinsam mit den Teilnehmenden die Rolle von Technologie und Gesellschaft im Lernkontext und fördern dadurch Selbstwirksamkeit durch „Learning by Doing“.
Effektives Lernen kann durch einen Methoden-Mix entstehen:
- Interdisziplinäre Gruppenarbeiten,
- Praxis-„Bootcamps“ mit realen Projektaufgaben,
- Workshops, in denen Teams aus unterschiedlichen Fachrichtungen zusammenarbeiten.
Praxistipp: Anerkennung von Weiterbildungen
Eine Öffnung der unterschiedlichen Fachbereiche in Bezug auf eine offizielle Anerkennung modularer Lernpfade, wäre dabei zu prüfen. Lernende sollten künftig die Möglichkeit haben, erworbene Kompetenzen flexibler in bestehende Zertifikate oder Studienpläne anerkennen zu lassen. Dies wäre ein Schritt, der neben Motivationsaspekten auch rein praktische Relevanz hätte, da die Lernenden schneller in die Praxis integriert werden können.
Ausklang: Bionik trifft Technologie
Zum Abschluss begeisterte eine Bionik-Demonstration: Flugwerkzeuge, deren Design sich direkt an Schmetterlingsflügeln und der Vogelkinematik orientiert, verdeutlichten, wie sich technologische Innovationen aus dem natürlichen Kontext gewinnen und umsetzen lassen. Ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass interdisziplinäres Denken und kreativer Transfer im besten Sinne lebendig werden.
Fazit:
Die veränderten Rahmenbedingungen, von modularen Inhalten über KI-Unterstützung bis hin zu heterogenen Lerngruppen, schaffen neue Lernbedingungen. KI und Kollaboration ermöglichen es, Lernpfade schneller und nachhaltiger zu durchlaufen, dabei kann die Bloom´sche Taxonomie als Orientierung dienen kann. Die Zukunft des Lehrens ist nicht mehr linear, sondern dynamisch, interdisziplinär, interaktiv und tief im Praxistransfer verankert.


