Die Hersteller haben ihre Produktion modernisiert – Den Vertrieb nicht
Die kommerzielle Kundenschnittstelle hat nicht Schritt gehalten
In ganz Europa arbeiten Industrieunternehmen in einem sehr engen Margenkorridor. Das Wirtschaftswachstum in der EU liegt seit Jahren unter 1 Prozent, die Investitionsbereitschaft ist schwach. Viele Unternehmen verschieben Projekte oder kürzen ihre Investitionsbudgets, solange die Nachfrage unsicher bleibt. Energieintensive Branchen trifft es doppelt: hohe Strompreise und steigende Dekarbonisierungskosten, die sich nur begrenzt an Kunden weitergeben lassen. In Deutschland ist die Industrieproduktion auf Niveaus zurückgefallen, die an Mitte der 2000er Jahre erinnern, während chinesische Wettbewerber ähnliche Maschinen oft zu rund einem Drittel niedrigeren Preisen anbieten.
Gleichzeitig sind die meisten Werke deutlich stärker automatisiert als noch vor zehn Jahren. Roboter, Sensoren und digitale Zwillinge verkürzen Entwicklungszyklen und erhöhen die Produktivität. Viele Hersteller erzielen einen wachsenden Anteil ihres Umsatzes mit Serviceverträgen, Software und leistungsbezogenen Garantien, nicht mehr nur mit der ursprünglichen Maschine. Studien von Beratungshäusern zeigen, dass Service-EBIT-Margen bis zu viermal so hoch ausfallen können wie bei Neumaschinen und dass in einigen Segmenten bereits mehr als die Hälfte von Umsatz und Gewinn aus dem Service des installierten Bestands stammt.
Das Paradoxon: Während die Produktion im Modus „Industrie 4.0“ läuft, arbeiten viele Vertriebsorganisationen immer noch mit PowerPoint-Folien, statischen PDFs und persönlichem Erfahrungswissen. Kaufende Unternehmen dagegen nutzen digitale Recherchen, Analystenberichte und Netzwerke lange bevor sie das erste Mal mit dem Vertrieb sprechen. Untersuchungen zeigen, dass ein erheblicher Teil der B2B-Einkäufer heute einen Großteil des Entscheidungswegs allein auf Basis digitaler Informationen zurücklegt und dass rund 80 Prozent die Kauferfahrung als ebenso wichtig bewerten wie Produkt oder Service.
Sales Enablement soll genau diese Lücke schließen. Es stellt Vertriebsteams in der Industrie mit den richtigen Inhalten, Trainings und Daten so auf, dass sie komplexe Lösungen auch in Märkten verkaufen können, in denen Margen knapp sind und Kaufentscheidungen stark von internen politischen Dynamiken geprägt werden.
Ein eingeengter Industriemarkt
Geringes Wachstum, hohe Inputkosten
Der makroökonomische Rahmen ist für Industrieunternehmen alles andere als komfortabel. Prognosen der EU für 2024 und 2025 erwarten ein Wachstum von unter 2 Prozent und beschreiben eine zähe Investitionserholung. Unternehmen kämpfen mit sinkenden Margen, hohen Realzinsen und schwachem Geschäftsklima. Für energieintensive Branchen fällt das Bild noch düsterer aus. Berichte über diese Sektoren unterstreichen den Druck durch hohe Strompreise und Dekarbonisierungskosten, die sich international nur begrenzt durchsetzen lassen.
Parallel nimmt der Wettbewerb zu. Analysen zeigen, dass China seinen Anteil an der weltweiten Industrieproduktion seit 1990 von rund 3 Prozent auf etwa 25 Prozent gesteigert hat. Die deutsche Industrie, lange Referenz für engineeringgetriebene Exporte, spürt diesen Druck unmittelbar. Hersteller von Investitionsgütern stehen heute chinesischen Anbietern gegenüber, die ähnliche Technologien zu deutlich niedrigeren Preisen anbieten. Europäische Anbieter müssen ihre Premiumposition überzeugend begründen oder dünnere Margen akzeptieren.
In dieser Lage zählt jeder zusätzliche Basispunkt Marge. Deshalb ist die vordere Wertschöpfungskette Vertrieb, Service und Commercial Excellence genauso wichtig wie das nächste Automatisierungsprojekt in der Fertigung.
Servitisation als Überlebensstrategie
Hersteller reagieren, indem sie ihr Angebot verändern. Statt nur eine einzelne Maschine zu liefern und auf den nächsten Ersatzzyklus zu warten, bündeln immer mehr Unternehmen Hardware mit Wartung, Ersatzteilen, Remote-Monitoring, Optimierungssoftware und Leistungszusagen. Dieser Wandel, oft als Servitisation beschrieben, verwandelt Einzelgeschäfte in mehrjährige Verträge mit wiederkehrenden Erlösen und besser planbaren Cashflows.
Die ökonomische Logik ist eindeutig. Studien von McKinsey zu industriellen Services zeigen, dass Service-EBIT-Margen bis zu viermal so hoch sein können wie die Margen mit Neumaschinen und dass OEMs ihre Serviceumsätze innerhalb von drei bis fünf Jahren verdoppeln können, wenn sie ihr Aftermarket-Geschäft professionalisieren. Deloitte und andere Analysten berichten von Herstellern, die bereits mehr als 50 Prozent von Umsatz und Ergebnis mit dem Service des installierten Bestands erzielen. In manchen Fällen kommt mehr als die Hälfte des Gesamtgewinns aus Ersatzteilen und Dienstleistungen.
Diese Transformation erhöht die Komplexität des kommerziellen Angebots massiv. Ein Verkäufer verkauft nicht mehr nur eine Maschine. Er verkauft ein Paket aus Verfügbarkeit, Software-Updates, Analyse-Dashboards, Bedienerschulungen, Finanzierung und teilweise ergebnisorientierten Garantien. Die Wertargumentation verschiebt sich von „Was die Maschine kann“ hin zu „Welche Geschäftsergebnisse der Kunde über fünf oder zehn Jahre erreicht“.
Ohne eine strukturierte Sales-Enablement-Schicht fällt es vielen Organisationen schwer, diese Geschichte über Regionen, Produktlinien und Partnerkanäle hinweg konsistent zu erzählen. Inhalte fragmentieren, Preislogiken unterscheiden sich von Team zu Team, Verhandlungen kippen schnell zurück in Rabatt- statt Wertdiskussionen.
Die Käufer haben sich schneller verändert als die Verkäufer
Digitale Selbstinformation als Standard
Der industrielle Käufer von heute wartet nicht auf einen Kaltanruf. Er recherchiert Anbieter, vergleicht technische Konzepte und prüft Referenzen lange vor dem ersten Gespräch. Aktuelle Studien zeigen, wie weit einkaufende Unternehmen kommen, ohne mit dem Vertrieb zu sprechen. So berichten mehrere Untersuchungen, dass viele B2B-Käufer heute 60 bis 70 Prozent des Kaufprozesses durchlaufen, bevor sie einen Anbieter aktiv kontaktieren. Andere Studien, etwa von Salesforce, kommen zu dem Ergebnis, dass rund 80 Prozent der Kunden die Erfahrung, die ein Unternehmen bietet, als genauso wichtig einstufen wie Produkte und Services. McKinsey wiederum zeigt, dass B2B-Kunden zwar digitale Kanäle erwarten, aber an entscheidenden Punkten unbedingt mit Menschen sprechen wollen. Gleichzeitig kritisiert Forrester, dass viele Inhalte von Anbietern aus Sicht der Entscheider generisch, zu wenig zielgerichtet und für den Aufbau eines echten Business Case nicht hilfreich sind.
Für Hersteller ist das eine klare Warnung. Wenn die hilfreichsten Inhalte, die ein Buying Center findet, von einem Wettbewerber oder einem allgemeinen Analystenportal stammen, hat der eigene Vertrieb die Deutungshoheit schon vor dem ersten Termin verloren.
Größere, politischere Buying Groups
Auf der Einkaufsseite ist Beschaffung längst ein Mannschaftssport. Typische Studien zu industriellen Investitionen nennen im Schnitt gut sechs Personen, die an einer größeren Entscheidung beteiligt sind, von Anwendern über Einkauf und Finanzen bis hin zu Operations und Geschäftsführung. Breitere B2B-Forschung, teilweise auf Basis von Gartner-Daten, spricht für komplexe Deals von Buying Groups mit sechs bis zehn Beteiligten und zehn oder mehr Stakeholdern bei multinationalen Projekten.
Das hat zwei Konsequenzen. Erstens steigt die Informationslast. Jeder Stakeholder bringt eigene Kennzahlen, Risiken und Vergleichsmaßstäbe ein. Zweitens nehmen interne politische Spannungen zu. In vielen Unternehmen wurde die Budgetgrenze, ab der eine Investition in ein Gremium muss, deutlich gesenkt, teilweise von rund 100 000 Pfund auf etwa 20 000 Pfund. Dadurch geraten selbst mittlere Projekte in formale Prüfprozesse und verlängern ohnehin schon lange Entscheidungszyklen.
Was das für den Vertrieb bedeutet
In dieser Umgebung ist der klassische „Lone-Wolf“-Produktverkäufer fehl am Platz. Der moderne Vertrieb in der Industrie muss eher wie ein Projektleiter und Orchestrator agieren. Er oder sie muss
- ein komplexes Portfolio aus Produkten, Services und Software souverän navigieren
- ein Buying Center über Bereiche und Länder hinweg identifizieren und gezielt ansprechen
- einen Business Case aufbauen, der auch kritischen Prüfungen von Finanzen und Einkauf standhält
- Botschaften zwischen Marketing, Vertrieb und Service konsistent halten
Das lässt sich nicht mit ein paar alten Folien und einem überfüllten Netzlaufwerk improvisieren. Eine dedizierte Sales-Enablement-Plattform ist kein kosmetisches Extra mehr. Sie wird zu einem operativen Betriebssystem, das Inhalte, Training und Daten verbindet, damit Hersteller die Innovationen, in die sie investieren, auch wirklich verkauft bekommen.
Warum zentrale Pain Points im Manufacturing direkt zu Sales Enablement führen
Die meisten Hersteller investieren in Automatisierung, digitale Tools und neue Services. Die daraus entstehende Komplexität schlägt zuerst im Vertrieb auf. Fünf Entwicklungen stechen heraus. Sie zeigen, warum strukturiertes Sales Enablement heute nicht „nice to have“, sondern Grundvoraussetzung ist.
Technisch breite und tiefe Produktportfolios
Industrielle Hersteller arbeiten selten mit einem einfachen Katalog. Sie bewegen sich in Hunderten Varianten, kundenspezifischen Konfigurationen, Softwaremodulen, Sicherheitsoptionen und branchenspezifischen Normen. Jeder Produktmanager bringt weitere Optionen, jede Portfolioüberarbeitung neue Präsentationen und Datenblätter.
In der Praxis heißt das: Viele Verkäufer arbeiten mit veralteten Folien, lokalen Dateien und ihren persönlichen „Lieblingsargumenten“. Das kostet Zeit und führt zu Inkonsistenzen bei Preislogik, Leistungsversprechen und Risikodarstellung.
Was Sales Enablement hier leisten muss
- Zentrale, versionierte Content-Bibliothek mit klaren Tags nach Branche, Use Case, Persona und Vertriebsphase
- Geführte Gesprächsleitfäden und Battlecards, damit Verkäufer auch in Randsegmenten souverän auftreten
- Schneller Zugriff im Kundentermin – ob auf dem Tablet in der Produktion oder im Videocall
Je technischer und breiter das Portfolio, desto teurer wird Improvisation.
Lieferkettenstörungen und volatile Lieferzeiten
Spätestens seit der Pandemie ist klar, wie schnell Lieferketten reißen können. Rohstoffe werden knapp, Logistikkosten steigen sprunghaft, Lieferzeiten verschieben sich. Planung und Operations spüren das jeden Tag. Kommuniziert wird es beim Kunden durch den Vertrieb.
Ohne Sales Enablement reagiert jeder anders. Der eine versucht, schlechte Nachrichten zu verstecken. Der andere verspricht Termine, die das Werk nicht halten kann. Ein Dritter ist übervorsichtig und verliert Aufträge, weil Wettbewerber offener und lösungsorientierter kommunizieren.
Was Sales Enablement hier leisten muss
- Übersetzung operativer Daten in verständliche Kundenbotschaften, inklusive Alternativszenarien
- Standardisierte Storylines zu Lieferzeiten, Priorisierung, Alternativprodukten und Risikoreduzierung
- Aktuelle Unterlagen, die diese Botschaften über alle Märkte hinweg konsistent halten
So wird der Vertrieb zum professionellen Risikomanager statt nur zum Überbringer von Verzögerungen.
Harte Preisverhandlungen und Margendruck
Energie, Löhne und Vorprodukte sind teurer geworden, gleichzeitig verteidigen Kunden ihre eigenen Margen. Das Ergebnis sind harte Preisverhandlungen. Einkaufsabteilungen kommen mit Benchmarks, Total-Cost-of-Ownership-Modellen und Alternativangeboten, oft aus Ländern mit niedrigeren Kostenstrukturen.
Ohne Unterstützung rutscht der Vertrieb schnell in Rabattlogik. Die bequemste Reaktion ist, „noch ein bisschen nachzugeben“, statt den Wert der Lösung klar zu verteidigen.
Was Sales Enablement hier leisten muss
- Fundierte Wertargumentationen mit belastbaren Zahlen zu Produktivität, Ausschuss, Energieverbrauch und Servicekosten
- Kalkulationstools und ROI-Modelle, die gemeinsam mit dem Kunden durchgespielt werden können
- Verhandlungstrainings und Einwandbehandlung auf Basis realer Cases aus dem eigenen Geschäft
So wird der Preis nicht zum einzigen Differenzierungsmerkmal. Der Vertrieb hat Fakten, um den Business Case zu beweisen.
Mehr M&A und integrierte Unternehmensgruppen
In vielen Nischen konsolidiert der Markt. Konzerne kaufen Spezialisten, schließen Portfolio-Lücken und bauen Plattformunternehmen. Auf Folien wirkt das stringent. Im Vertriebsalltag bedeutet es oft Chaos. Unterschiedliche Marken, Rabattsysteme, getrennte CRMs und historische Serviceverträge prallen aufeinander.
Wenn jede Business Unit ihre eigenen Inhalte, ihr eigenes Training und ihre eigene Sprache pflegt, bleibt das versprochene Cross-Selling auf der Strecke.
Was Sales Enablement hier leisten muss
- Gemeinsame Story und Positionierung für alle Marken und Produktlinien
- Harmonisierte Playbooks, Preislogiken und Vertriebsleitfäden für die gesamte Gruppe
- Onboarding-Programme für gemischte Teams nach einer Übernahme, damit sie schnell zusammenarbeiten können
Erst dann wird aus „Portfoliointegration“ tatsächlich Gruppenumsatz und nicht nur eine Zeile im Geschäftsbericht.
Vom Produktverkauf zu Lösungen und Ergebnissen (Servitisation)
Der größte Bruch liegt im Übergang vom reinen Produktverkauf zu Lösungen, die Hardware, Services, Software und klar definierte Ergebnisse verbinden. Statt „eine Maschine und vielleicht ein Servicevertrag“ verkauft der Hersteller heute Verfügbarkeit, OEE-Verbesserung, Energieeinsparungen oder Qualitätsziele über die gesamte Laufzeit.
Das verlangt einen anderen Vertriebsprozess. Stakeholder kommen aus Produktion, Qualität, IT, Finanzen und Topmanagement. Verträge laufen fünf bis zehn Jahre. Der Kunde erwartet konkrete KPIs, regelmäßiges Reporting und einen klaren Upgrade-Pfad.
Was Sales Enablement hier leisten muss
- Referenzfälle und Narrative, die nicht nur Technik beschreiben, sondern betriebswirtschaftliche Ergebnisse
- Vorlagen für mehrjährige Angebote, Service Level Agreements und Erfolgsmessung
- Trainingsformate, die Produktverkäufer zu Lösungs- und Businessberatern entwickeln
Ohne Sales Enablement bleibt Servitisation eine Strategie-Folie. Mit Sales Enablement wird sie zu einem skalierbaren Geschäftsmodell.
Eine moderne Industrie kann sich ein analoges Frontend nicht leisten
Hersteller haben ihre Werke modernisiert, doch die kommerzielle Kundenschnittstelle hinkt vielerorts hinterher. Einkäufer erledigen heute den Großteil ihrer Recherche, bevor sie mit dem Vertrieb sprechen. Sie erwarten klare Wertargumente, belastbare Daten und konsistente Botschaften. Gleichzeitig kämpfen Vertriebsteams mit breiteren Produktportfolios, instabilen Lieferketten, härteren Preisverhandlungen und dem Shift hin zu servicebasierten Geschäftsmodellen.
Diese Lücke ist strukturell, nicht kosmetisch. Ohne ein einheitliches Sales Enablement bleiben Inhalte verstreut, Trainings oberflächlich und Wettbewerber bestimmen die Geschichte früh im Prozess. Starke Margen in Services und langfristigen Lösungen hängen von Vertriebsteams ab, die Geschäftsergebnisse erklären, komplexe Buying Groups steuern und Wert statt Rabatte verkaufen können.
Sales Enablement liefert die Systemunterstützung, die dafür nötig ist. Es richtet Marketing, Vertrieb und Service aufeinander aus, sorgt für konsistente Kundenerlebnisse und gibt Teams die Werkzeuge an die Hand, um komplexe Lösungen in einem härteren Markt durchzusetzen. Hersteller, die nur die Fabrik modernisieren, riskieren ihren Vorsprung genau dort, wo er entschieden wird, am Kunden. Wer die Frontline gleich mit modernisiert, sichert sich bessere Margen und einen robusteren kommerziellen Motor.
Quellen:
Showpad eOS® | Meet our new sales enablement operating system
Can anything halt the decline of German industry?
ERT-Competitiveness-of-Europes-energy-intensive-industries_March-2024.pdf
First Digital Transformation, Now Servitization | Manufacturing.net
State-of-the-Connected-Customer.pdf
Artikel ist mit KI bearbeitet worden


